Während seiner Livesets sieht man ihn am ehesten integrative Visuals mit Dubtechnorhythmen n kombinieren, oder er mischt experimentelle Elektronika mit klassischen Stücken von Ryuichi Sakamoto, was seine DJ-Sets gleichfalls immer wieder zu einer angenehmen Überraschung macht.

Im Juli dieses Jahres wurde Nicolai als Kurator und live Performer für Boiler Rooms „Art Night at Village Underground“ in London verpflichtet, für das er TRAKTOR DJ auf dem iPad gewählt hat. Native Instruments hat sich mit Nicolai getroffen, um seinen Ansatz beim Auflegen und Sound im allgemeinen zu besprechen, und um zu erfahren, warum TRAKTOR DJ für ihn am besten funktioniert.

Erfahre hier wie und warum Carsten Nicolai, besser bekannt als Alva Noto, TRAKTOR DJ in seinen Sets verwendet.

 

Carsten, deine DJ-Gigs kann man an einer Hand abzählen, dein Set für den Boiler Room Anfang Juli hat jedoch für reichlich Aufsehen gesorgt. Du hast nur mit TRAKTOR DJ auf dem iPad gespielt.

Stimmt, ich lege eher selten auf, meist für Freunde oder mal bei einer Veranstaltung. Mit dem DJ-Business wollte ich mich nicht wirklich beschäftigen. Aber dann zog ich nach Rom und wurde immer wieder angesprochen, ob ich nicht live spielen könnte. Und weil ich nicht ständig die gleiche Show in einer Stadt spielen kann, hat sich das Auflegen als Alternative dazu angeboten – ein leichterer und spielerischer Ansatz. Also habe ich nach Software gesucht, mit der ich ein Set mehr oder weniger einfach bewerkstelligen kann.

 

Vinyl oder CDJs kamen also von vornherein nicht in Frage?

Nein, ich bin schon sehr Software-affin. Meine Libraries sind fast vollständig digital, dazu kommen unveröffentlichte Tracks von mir, die auch nur digital vorliegen, und Stücke anderer Künstler, die ich editiere oder von denen ich nur bestimmte Parts verwende. Hier ein bisschen länger, dort ein wenig kürzer, ein paar zusätzliche Loops. Das sind für mich Tools, die während eines solchen Sets immer wieder auftauchen. Ich empfinde es als sehr angenehm, so zu arbeiten, und das iPad bietet sich hier besonders an, weil es so portabel ist. Ich bin ja viel unterwegs. Auf TRAKTOR DJ bin ich mehr oder weniger durch Zufall gestoßen  nachdem ich einfach keine gute DJ-Software gefunden hatte. Die App hat mir gleich sehr gut gefallen – man braucht auch nicht viel Peripherie. Oft bereite sich DJ-Sets vor, lege mir ein iTunes-Archiv an, überlege, in welche Richtung sich der Abend entwickeln könnte. Das ist ob der Speicherkapazität heute ja selbst auf einem Tablet alles kein Problem mehr. Und dann schlägt einem TRAKTOR oft Tracks vor, die zur gerade aktuellen Geschwindigkeit passen. Das führt manchmal auch zu ganz spontanen Entscheidungen, die ein Set dann in eine andere Richtung  lenken. Ich denke mir dann: Warum denn nicht, ist doch eigentlich ein super Track.

 

Das Empfehlungs-Feature wird oft belächelt …

Ich bin ein ganz großer Fan davon. Ein Beispiel: Gig im Berghain, am Tag zuvor war Prince gestorben. Ich spiele den ersten Track und Prince taucht als Empfehlung auf. Da habe ich mich drauf eingelassen, so ein kleiner Tribute, warum denn nicht. Ich habe nicht den ganzen Song gespielt, sondern nur einen schönen, knackigen Beat einfach mit reingemischt. Dieser Mix wäre ohne das Feature nicht entstanden.

 

Prince. Im Berghain. Auf einem iPad.

Ja!

 

TRAKTOR DJ geht ja völlig neue Wege in Sachen Bedienung.

Und das ist für mich eigentlich am wichtigsten. Weg von der Maus, Multitasking und Interface in einem. Ich nutze das iPad mittlerweile auch, wenn ich Konzerte spiele, dann allerdings in einem anderen Setup, zusammen mit Lemur. Da baue ich eigene Oberflächen für Instrumente. Das bedeutet aber konkret, dass im Hintergrund eine Software läuft, die man dann nur anders bespielt. Im Falle von TRAKTOR DJ hat man jedoch alles in einem. Das ist sehr angenehm.

 

Live zu spielen und aufzulegen fühlt sich für dich also schon anders an. Kann man das überhaupt vergleichen?

Nein, aber es gibt durchaus Parallelen. Ich musste mich an das iPad gar nicht gewöhnen und hatte auch keine Angst damit aufzulegen. Weil ich schon seit über zehn Jahren mit Touchscreens und Multitouch arbeite – seit dem ersten Lemur. Als dann das iPad auf den Markt kam, dachte ich, dass ich Lemur gar nicht mehr brauchen würde. Darum habe ich mich auch sehr gefreut, als das erste große iPad Pro rauskam, das von der Display-Größe dem Lemur ebenbürtig war. Hätte ich mir damals einen eigenen Controller gebaut – mit Knöpfen und Fadern – wäre mir der Umstieg auf das iPad nicht so leichtgefallen. Ich fühle mich jetzt sehr flexibel und kann auch zwei oder drei Tablets einsetzen. Für mehrere TRAKTOR-Instanzen und vielleicht noch ein virtuelles Instrument. Das Setup lässt sich modular erweitern, es artet aber nie in eine Technik-Schlacht aus, wenn man Dinge miteinander synchronisieren will. Wobei: Ich bin eh kein Fan davon, dass immer alles mit allem synchron läuft.

 

Hast du dir damals bei deiner Suche nach DJ-Software auch andere Lösungen angeschaut oder bewusst von Anfang an etwas für das iPad gesucht?

Ich schaue mir generell immer alles an. Oft genug unterschätzt man Instrumente und Ansätze ja anfangs, weil das Konzept schlicht zu einfach wirkt. Der OP-1 von teenage engineering war so ein Fall, der ist ja vor allem bunt. Ist aber eigentlich ein tolles und komplexes Instrument. Mit Software ist es ganz genauso. Man muss sich Zeit nehmen, alles ausprobieren, und irgendwann stellen sich der Flow und die Routine ganz von selbst ein. Das ist der entscheidende Moment. Wenn man merkt, dass man nicht mehr viel nachdenken muss, sondern sich wirklich auf das Spielen konzentrieren kann.

In diesem Zusammenhang habe ich dann kurioserweise begonnen, ohne Kopfhörer aufzulegen. Eine Sünde! (lacht) Ich empfinde das gar nicht so. Es kann schon mal passieren, dass ich etwas mische und der Übergang nicht sitzt. Aber dann höre ich das zumindest genauso wie alle anderen auch. Auch das mag ich eigentlich sehr. Ich kenne die Tracks, die ich auflege, sehr gut, weiß, wann was kommt. Durch das Editieren von Vorfeld erkenne ich das auch an der Wellenform. Wann die Strings kommen, zum Beispiel. Ich habe da mittlerweile ein Auge für. Wenn die Wellenform in TRAKTOR DJ analysiert wird, sehe ich sofort: Aha, hier ist der Break, der Teil ist clean, da ist keine Fläche drunter, den kann ich loopen. Ohne diese Visualisierung müsste man ganz schön lange durch den Track scrubben.

Um deine Frage aber zu beantworten: Ich habe mir auch andere DJ-Lösungen angeschaut, auch für den Laptop. Dabei fällt jedoch auf, dass die Analyse der Wellenformen auf dem iPad deutlich schneller und präziser ist. Das macht es mir deutlich leichter, Tracks spontan in ein Set einzubauen.

 

 

Mit einem Laptop hat man potenziell aber auch mehr Möglichkeiten.

Das stimmt. Man hat mehr Optionen, und ich könnte zum Beispiel auch MASCHINE noch einbinden. Aber mittlerweile ist das Auflegen eine so entspannte Angelegenheit für mich. Bei DJs geht es ums Tanzen. Und meine Sets sind schon auch explizit zum Tanzen. Naja, ein bisschen zumindest. Auf jeden Fall nicht so komplex wie meine Live-Shows. Die sind zwar auch leicht rhythmisch, aber keine Club-Sets. Ich mag diese Einfachheit.

 

Zurück zum Boiler Room. Wie hast du dich auf dieses Set vorbereitet?

Tracks raussuchen, sich eine gewisse Reihenfolge überlegen und dabei darauf achten, dass die Stücke auch tonal zueinander passen. Ich spiele ja eher Musik, bei der Melodien keine große Rolle spielen, es geht vornehmlich um den Rhythmus. Aber auch auf die Basslines muss man ein Auge haben. Auf diese Basis setzte ich gerne noch andere Tracks, die im Techno-Kontext eher nicht vorkommen. Sounds, Ambientes. Da experimentiere ich dann auch mit extremen Pitchings, und das funktioniert erstaunlich gut.

 

Du arbeitest also mit iTunes-Playlists.

Ganz genau. Die finalisiere ich in der Regel kurz vor dem Set und überspiele sie dann. Das reicht dann für so rund zehn Stunden Musik.

 

Dein iPad hat viel Speicher.

Ja, das macht für so einen Einsatz auch Sinn. Und der Prozessor ist schnell, was sich vor allem bei der Track-Analyse bemerkbar macht. Früher hat es ja schon lange gedauert, um einen Achtminüter an den Start zu bekommen. Heute kann man dabei praktisch zusehen. Fast Echtzeit.

 

Bei deinem Set im Boiler Room hattest du aber noch ein anderes Gerät dabei, eine Art XY-Controller. Was hat es damit auf sich?

Das ist eigentlich eine Art modulares System, bei dem die unterschiedlichsten Module miteinander vernetzt und die Parameter dann über Multitouch bedient werden. Vor allem für  Effekte. Das Ganze ist eine App, die auf dem Mischpult ihren eigenen Kanal hat. Es gibt ja so “DJ-Rituale”: Bass raus, wieder rein, Trommelwirbel, so dass sich ungefähr alle zwei Minuten etwas verändert. Ich interessiere mich eher für einen konstanten Flow. Erst wenn ich dabei an meine Grenzen stoße, drehe ich die Effekte am DJ-Mixer auf. Die von Pioneer stehen ja überall rum.

 

 

Was noch?

Zwei Player mehr.

 

Also vier Decks?

Das wäre super, ist vom Design her aber wahrscheinlich schwierig, gerade auf kleineren Tablets.

 

Na dann mit zwei iPads parallel?

Ginge auch, ja. Ich komme immer mal wieder an den Punkt, wo mir zwei Tracks einfach nicht mehr ausreichen und ich gerne einen dritten on top laufen lassen würde. Dafür müssen aber auch die Prozessoren noch besser werden, um das auf einem Gerät zu ermöglichen. Ich fände es auch toll, wenn ich mehr Ports zur Verfügung hätte und hoffe inständig, dass Apple nicht noch den letzten auch irgendwann einsparen wird. Der ist so fummelig. Ich bin da immer ordentlich am Gaffern. Reine Vorsichtsmaßnahme.

 

À propos Vorsicht: Touchscreens kommen ja nicht so gut mit feuchten Fingern zurecht. Und im Club wird geschwitzt.

Das ist ein Problem, ja. Wenn du selber mal anfängst zu schwitzen und die Finger ganz schnell wieder trocken bekommen musst. Bei einer Live Performance passiert das nicht so häufig, im Club-Kontext schon eher. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Weil ich schon so lange mit Touchscreens arbeite, kann ich damit umgehen.

 

Du könntest ja auch einen Controller benutzen.

Ich habe mal den KONTROL Z1 ausprobiert, den fand ich ganz schön. Letztendlich haben wir ihn dann aber für etwas ganz anderes verwendet. Ich muss zugeben, dass mir Controller einfach zu groß sind. Ich will die nicht mitschleppen. Ich habe nur zwei Arme und zehn Finger und mit denen bin ich schon auf dem iPad selbst ganz gut beschäftigt.

Aktuell ist immer wieder die Rede davon, Streaming-Dienste wie Spotify in DJ-Apps zu integrieren. Was hältst du davon?

Eigentlich gar nichts. Erstens, weil Spotify einen wirklich grottigen Sound hat. Warum soll man damit auflegen? Ich halte aber auch nichts von Cloud-Diensten im Allgemeinen. Das ist eine ausgesprochen amerikanische Idee, immer überall online zu sein. Irgendwann kommt der Moment, wenn man merkt: Nanu, ich bin ja offline – und kann gar nichts machen! Letztendlich beschneidet mich das in meiner Freiheit und Entscheidungsfähigkeit. Ich will immer alle Tracks in der bestmöglichen Auflösung bei mir haben. Ich traue der Komprimierung beim Streaming einfach nicht. Im Alltag merkt man davon vielleicht nichts oder wenig – man muss da aber sehr genau hinschauen. Auch das Digitale ist fragil. Wer regelmäßig seinen Computer wechselt und Libraries hin und her kopiert, weiß, wie viele Files dabei kaputt gehen. Nun ist die Arbeit mit kaputten Files ja eines meiner kreativen Hauptmerkmale …

 

Ich wollte gerade sagen: Das passt doch zu dir!

… aber ich entscheide gerne selbst, wann etwas kaputt ist oder kaputt zu gehen hat.

 

Erinnere ich das richtig? Aus diesem Prinzip hast du mal ein ganzes Projekt gemacht.

Ja, das ist aber eher zufällig entstanden. Ich hatte eine ganze Reihe Aufnahmen gemacht, die meine Software im Anschluss einfach nicht richtig importieren konnte und praktisch gleich geremixt hat. Den Pitch zum Beispiel. Das klang herrlich! Ich war in Japan auf dem Land, und im Hotel lief im Hintergrund so ambiente Musik, dazu kamen die Geräusche der Lobby. Diese Files habe ich dann geöffnet und gemerkt: Super, aber eben nicht das, was ich aufgenommen hatte. Ein Konvertierungsproblem. Das Prinzip habe ich dann in Software nachgebaut. Man lädt einen Loop und der wird immer und immer wieder kopiert – dabei kann auch die Auflösung bei jedem Kopiervorgang individuell eingestellt werden. Irgendwann fällt das Material dann in sich zusammen, das ewige Konvertieren auf hoher Geschwindigkeit, die Interpolation. Das ist spannend, weil jede Software eben ein bisschen anders interpoliert, immer abhängig von den Algorithmen der Programmierer. Mich fasziniert diese Idee eines Kopierers. Man muss sich das vorstellen wie bei Photoshop, wenn man versucht, ein viel zu kleines JPG aufzubereiten, aufzuhübschen. Diese Algorithmen, die das Bild analysieren und fehlende Pixel dazurechnen, sind mittlerweile sehr, sehr gut. Ich bin mit der Idee des Kopierens und des Fotokopierers in der DDR aufgewachsen. Dinge zu vervielfältigen war nicht einfach und auch nicht besonders gerne gesehen. Eine Kulturtechnik, die heute praktisch in Vergessenheit geraten ist. Für mich war sie prägend. Dinge kopieren – xeroxen –, auf den Kopierer legen und dabei verändern. Das prägt meine Arbeit noch heute.