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von Kabuki

Zwischen Netflix, Punk und 808:
Im Studio mit Bazzazian

Producer-Talk: Kabuki hat sich mit Bazzazian zum Interview getroffen.
Wie arbeitet der Ausnahmeproduzent der Deutschrap-Szene?

Als Producer ist Ben Bazzazian bestens aufgestellt. Er hat mit Azad gearbeitet, mit Haftbefehl, Sammy Deluxe und Gentleman, für Rammstein den Song „Ausländer“ programmiert und für die Netflix-Serie „Skylines“ die Beats beigesteuert.

Der Kölner, der zunächst im Alter von 12 Jahren Gitarre lernte und in Bands spielte, tauschte die Saiten ziemlich bald gegen einen Drumcomputer und fing an, Beats zu produzieren. Ob als Produzent oder für sein eigenes Projekt „Die Achse“ zusammen mit Farhot: Bazzazian hat sich über die Jahre einen echten Signature-Sound erarbeitet, der nicht zuletzt auf seine unkonventionelle Herangehensweise an die Studio-Arbeit zurückzuführen ist. Nur wenige Akteure in der Deutschrap-Szene haben einen so klar identifizierbaren und innovativen Sound entwickelt.

Kabuki, selbst ausgewiesener Studio-Nerd und Spezialist für Sound Design, traf den deutschen Ausnahmeproduzenten in seinem Kölner Studio für ein exklusives Interview. Dabei gewährt Bazzazian Einblicke in seine Arbeit, erklärt, wie er an Projekte herangeht und kommt mit nützlichen Tipps für den Workflow um die Ecke. Und hat außerdem noch einen exklusiven Beat produziert.

Ben, du hast dir über die Jahre eine Ausnahmestellung als Produzent erarbeitet. Mit welchem Anspruch gehst du ins Studio?

Für mich ist es besonders wichtig, dass meine Musik eigenständig klingt. Ich will nicht, dass sie einen an etwas erinnert, was man bereits kennt. Keine ganz leichte Aufgabe, denn aktuell gilt ja: Musik soll allen gefallen. Und das geht eigentlich nur, wenn man beim Hören genau diese Assoziationen bekommt. Einen eigenen Sound zu haben, steht für mich definitiv an erster Stelle.

 

Natürlich klingt ein Preset aus einem Synthesizer geil. Vielleicht haben es aber 20.000 andere Producer vor mir schon genau so benutzt. In diesem Moment ist der Sound für mich schon langweilig.

 

Es gibt ja immer wieder Beats, auf die sich alle stürzen und versuchen zu emulieren. Zum Beispiel die ganzen Produktionen mit Flöten, die man nach „Mask Off“ gehört hat.

Ich habe schon immer versucht, das zu vermeiden. Ich sage nicht, dass alle anderen einfach Beats nachbauen. Das ist Quatsch, viele denken da genau wie ich. Für mich steht dieses Prinzip aber über allen anderen. Natürlich klingt ein Preset aus einem Synthesizer geil. Vielleicht haben es aber 20.000 andere Producer vor mir schon genau so benutzt. In diesem Moment ist der Sound für mich schon langweilig. Ich denke dann: Nein, das muss anders klingen. Manchmal treibe ich es dann auch auf die Spitze und drehe so lange an einem Sound rum, bis man gar nicht mehr weiß, wo der ursprünglich herkam. Ich mache das nicht, weil ich nicht verraten möchte, wie und womit ich arbeite. Wenn mich jemand fragt, erkläre ich das. Es gab zum Beispiel auf Haftbefehls Album „Russisch Roulette“ den Song „Ich rolle mit meim Besten“ mit verzerrten 808s. Darauf haben mich explizit Leute angesprochen und gefragt, wie ich das gemacht habe. Habe ich sofort erzählt. Es waren übrigens drei 808s (lacht). Es geht mir also nicht um Geheimniskrämerei, ich will Dinge schlicht anders machen, auf meine Art. Und dann ist es auch irgendwie egal, ob du am Synthesizer schraubst, an einem virtuellen Instrument, oder ob du Pedals nimmst. Hauptsache das Ergebnis ist eigenständig.

Oft ist der Prozess dabei besonders wichtig. Wie weit kann ich gehen, bis alles auseinander fällt.

Und manchmal ist es dann auch einfach zu doll. Früher habe ich mich viel schneller zufrieden gegeben und gar nicht so viel ausprobiert. Wenn es aber heutzutage zum Beispiel um das Arrangement von einem Song geht, probiere ich immer wieder neue Sachen aus: Wie ist es, wenn ich dieses Element hierhin schiebe, oder etwas anderes hinzufüge etc. Ob etwas besser oder schlechter wird, weiß man ja erst, wenn man wirklich macht. Faul werden gilt nicht – das ist super wichtig. Von einem Song mache ich manchmal fünf Remixe oder mehr. Dann merkst du, welcher der Richtige ist.

 

Man muss sich fordern, darf keine Angst haben, mit der Form zu experimentieren.

Arrangements von Popsongs sind ja auch kein Geheimnis. Man kann leicht recherchieren, wie die Struktur der letzten 3.000 Nummer-1-Hits in den USA aussieht. Aber es wäre mega. langweilig, wenn alle einfach nach diesem Schema verfahren würden.

So findest du nicht deine eigene Stimme.

Und Eigenständigkeit ist mir in der Musik am wichtigsten. Nimm die Libraries von Native Instruments – alle ziemlich gut. Und der erste, der sie einfach so benutzt hat, hatte Glück. Aber alle anderen danach müssen etwas ändern, um nicht in diesem Fahrwasser zu schwimmen. Als ich angefangen habe, konntest du einen Beat der Neptunes oder von Timbaland sofort erkennen. Ich finde es geil, wenn deine Sachen aus der Masse herausstechen, wenn die Leute checken: Das ist von dem. Das war für mich immer der Anspruch.

Bei deinen Beats fiel mir von Anfang an der krasse Drumsound auf. Du legst immer noch eine Schippe drauf. Liegt das an deinem Punk-Background?

Bestimmt. Und garantiert auch an meiner Schwerhörigkeit (lacht). Bestimmte Musik muss nun mal ballern – und das funktioniert über die Drums. Verzerrung auf den Drums ist dabei das A und O.

MASCHINE Tipp: Drive & Obertöne Mit Hilfe des Drive-Parameters aus der Effektsektion des Samplers können dem Signal ungerade Obertöne hinzugefügt werden, extremere Einstellungen resultieren in Hard Clipping.

Du hast früher viel mit dem „Culture Vulture“-Plug-in gearbeitet, benutzt du das immer noch?

Ich liebe Verzerrung, und „Culture Vulture“ ist der Heilige Gral. Wobei es natürlich auch Alternativen gibt, die gut klingen. „Decimort“ ist noch viel prägender für meinen Drum-Sound, würde ich sagen.

 

Trotz der Verzerrung haben Drums bei dir immer Präsenz und Punch. Hast du eine spezielle Technik entwickelt?

Ich benutze Verzerrung immer erst als Insert auf einzelnen Klängen wie Kick und Snare, und dann bearbeite ich sie zusammen noch einmal auf dem Drum-Bus. Ich nenne das knechten. Dabei verwende ich gern eine übersteuerte Triode wie beim „Culture Vulture“. Plug-ins für das Summing sind auch ein wichtiges Tool in meinem Drum-Sound, da kannst du das Signal durch virtuelle Kanalzüge von unterschiedlichen Pulten schicken und so den Klang noch einmal färben.

Neben deinem krassen Sound der Drums fällt auch der Groove auf. Benutzt du spezielle Quantisierungen, oder bist du jemand, der die Hits einzeln verschiebt?

Sowohl als auch. Ich fand den Groove der Neptunes früher ziemlich gut. Bei ihnen ist es oft so, dass Kick und Snare hart quantisiert sind, die Hi-Hat aber nicht. Ganz genau so arbeite ich zwar nicht, aber es geht schon um diesen Kontrast. Die ganze Diskussion um Groove und Shuffle geht mir ehrlich gesagt auf die Nerven. Wenn es geil klingt, dann ist es geil, auch wenn alles mies auf Sechzehntel quantisiert ist. Ich habe in meinem Autoload Quantisierungs-Templates drin, da ist von MPC über Emulator bis Oberheim DMX alles dabei. Ich bin schließlich bei MPC 3000 mit Sechzentel-Quantisierung auf 52 % hängengeblieben. Und manchmal schiebe ich auch einfach alles per Hand oder quantisiere es erst gar nicht.

 

Lass uns über die Netflix-Serie „Skylines“ sprechen, für die du Beats beigesteuert hast. Mich überraschte besonders, wie realistisch die Szenen im Studio rüberkommen und zum Beispiel über den Einsatz von Bitcrusher auf der Snare diskutiert wird. Bist du in solchen Fragen konsultiert worden?

Die Idee mit dem Bitcrusher kam tatsächlich von mir. Dennis Schanz, der Showrunner der Serie, hat mich vorher gefragt, was man in solchen Situationen sagen würde. Da habe ich ihnen ein bisschen Material geliefert.

 

Dein Song „Skyline Glänzt“ spielt in der Serie eine wichtige Rolle und wirkt wie maßgeschneidert für die Live-Performance auf der Maschine. Hattest du das schon bei der Produktion im Hinterkopf?

Nein, den Beat gab es schon vorher, ich habe ihn nicht erst für die Serie gebaut. Die Ansage war, dass es ein richtiger Banger sein sollte, den in der Serie alle krass finden würden. Dass er sich im Nachhinein so gut dafür geeignet hat, war ein glücklicher Zufall.

MASCHINE Tipp: Samplingrate Reduziert man die Werte für Samplingrate oder Bitrate, kann man den Sound klassischer Sampler emulieren. Sollte das nicht reichen, können auch die mitgelieferten Lo-Fi, Distortion und Saturator Plugins aushelfen.

Wie arbeitest du mit anderen Künstlern zusammen?

Meistens als Produzent, was ich auch cool finde und sehr gerne mache. Irgendwann reichte mir das aber nicht mehr. Als ich dann Farhot kennengelernt habe, entschlossen wir uns, gemeinsam an eigenen Sachen zu arbeiten: Unser Projekt „Die Achse“ war geboren. Bisher haben wir 2 EPs veröffentlicht, „Angry German“ und „Hooligan“. Aktuell arbeiten wir an unserem Debütalbum, das hoffentlich noch dieses Jahr kommt. Ich produziere aber nach wie vor auch Künstler, letztes Jahr zum Beispiel den Song „Mathematik“ von Till Lindemann feat. Haftbefehl. Die Session im Studio mit Till und Olsen Involtini hat sehr viel Spaß gemacht, das werde ich so schnell nicht wieder vergessen. Olsen produzierte dann das aktuelle Album von Rammstein und fragte mich, ob ich bei ein paar Songs Programmings beisteuern wolle. Das habe ich natürlich nicht abgelehnt. Von den drei Songs, an denen ich mitarbeiten durfte, hat es einer auf das Album geschafft: „Ausländer“. Ich arbeite zur Zeit auch am neuen Album von Haftbefehl, das kommt wohl noch dieses Jahr.

 

Du integriert häufig externe Instrumente und Klangquellen in deinen Produktionen, hast du da eine eine bestimmte Methode?

Es gibt oft den Punkt, an dem ich merke, dass noch etwas fehlt. Dann kommen externe Keyboards oder meine Pedals zum Einsatz. Ich bin jetzt aber auch kein Analog-Verfechter, diese Diskussion langweilt mich. Im Endeffekt ist es mir egal, wo etwas herkommt. Wenn es gut klingt, finde ich das auch gut. Ich habe aber schon das Gefühl, dass Sounds, die aus „echten“ Kisten kommen, etwas Besonderes haben. Ich kann gar nicht genau beschreiben, was das ist, irgendwas ist mit diesen Teilen. Natürlich macht das Rumschrauben auch wirklich Spaß – das geht auch alles mit der Maus, ich finde das überhaupt nicht schlimm, aber mit Hardware ist es schon nochmal etwas anderes. Und deswegen ist ja auch das (zeigt auf die Maschine MK3) so geil, weil es von beidem etwas hat.

Legst du am Anfang einer Produktion erst mal das Fundament und kümmerst dich später um die Details?

Eigentlich schon. So ganz kann ich das aber auch nicht trennen: Mucke machen und an Sounds schrauben. Ich merke aber, dass bestimmte Dinge manchmal auf der Strecke bleiben, wenn ich gleichzeitig mixe, schraube und mich um das Sound Design kümmere. Ich versuche also schon, das Ding hinzustellen und erst dann anzufangen, zu schrauben. Beim Bauen von Beats ist mir aber aufgefallen, dass ich immer, wenn ich das Gefühl habe, das könnte was Besonderes werden, anfange, daran rumzuschrauben, um es richtig schön zu machen. Dabei kann der Vibe verloren gehen. Als Konsequenz daraus habe ich mir angewöhnt, mich lieber zurückzuhalten und das Ganze nicht mehr zu stark zu verändern. Wenn der Vibe einmal stimmt, dann stimmt er.

Da geht es um das Zusammenspiel von winzigen Details, die dann das Gesamtbild ausmachen.

Genau. Manchmal ist es ja auch alleine das Leveling. Ich gebe meine Sachen eigentlich ziemlich fertig zum Mixen raus, es ist alles mehr oder wenige so, wie es auch sein soll. Die Kollegen geben an bestimmten Stellen noch 20 Prozent dazu, ziehen noch ein paar Frequenzen raus, benutzen noch einmal geilere Hall-Algorithmen. Die Engineers, mit denen ich arbeite, sind in Sachen Vocals fitter als ich, ich mag aber auch einfach diese „Kette“ aus Mixer und Mastering-Engineer. Ich muss nicht alles alleine machen.

 

Verfolgst du als Produzent eine bestimmte Philosophie?

Ich finde es dumm, Dinge zu tun, nur weil man sie tun kann. Ich muss nicht zwingend die Snares austauschen, um meiner Rolle gerecht zu werden. Wenn etwas geil ist, dann kann es so bleiben, selbst wenn es ein Apple-Loop ist. Ich versuche nur dann einzugreifen, wenn es wirklich zielführend ist. Muss ich den MS-20 einsetzen, nur weil er da drüben steht? Natürlich nicht! Wenn ich Bock habe, klar, es kann aber auch genauso gut ein Plug-in sein. Keine Dogmen. Man sollte sich einfach keinen Tools verschließen, egal ob analog oder digital.

Muss ich den MS-20 einsetzen, nur weil er da drüben steht? Natürlich nicht! Wenn ich Bock habe, klar, es kann aber auch genauso gut ein Plug-in sein. Keine Dogmen.

 

Am Ende hört und. spürt man ja auch nicht unbedingt, wo bestimmte Sounds herkommen, sondern vielmehr, ob der Künstler inspiriert war.

Genau. Und das ist ja das Wichtigste: das Gefühl. Wenn ein digitaler Synthesizer mir den Vibe liefert: cool. Und wenn es das Billig-Keyboard von Yamaha aus den Neunzigern macht, auch cool!

MASCHINE Tipp: Röhrenverzerrung Stellt man im Distortion Plugin das Parameter Focus auf Off, resultiert dies in leicht asymmetrischem Clipping, das dem Signal sowohl gerade als auch ungerade Obertöne hinzufügt und dem Klangbild einer Röhrenverzerrung ähnelt.

Begleitend zum Interview hat Bazzazian auch einen exklusiven Beat beigesteuert.

Fotos von Frederike Wetzels

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